von

«nice to have!»

Ich suche seit Jahren nach poli­tis­chen Erk­lärun­gen, warum Kul­tur und Kun­st so wichtig sind. Das klingt aus der Fed­er des Chefredak­tors der grössten Kul­turzeitschrift der Schweiz, der seit einem Viertel­jahrhun­dert ein riesiges Archiv an Beiträ­gen zu Kul­tur und Kun­st veröf­fentlicht hat, sich­er eige­nar­tig. Par­al­lel sehen und spüren wir aber alle, dass da irgend­wo ein Fehler im Sys­tem ist: Wir investieren als Gesellschaften jährlich Mil­lio­nen in «Kul­tur», doch irgend­wie geht’s nicht voran. Und ohne Kul­tur, das sehen wir zurzeit ganz gut in der Welt, zer­brechen Gesellschaften. Ein Artikel, der schon seit 25 Jahren geschrieben wer­den müsste:

Durch ein Gespräch mit einem Bürokol­le­gen bin ich darauf aufmerk­sam gewor­den, dass ursprünglich die kul­tur­poli­tis­che Geschichte nach dem Zweit­en Weltkrieg in eine ganz andere Rich­tung lief. Ich habe mich spielerisch darüber mit ein­er KI «unter­hal­ten» und die Wichtigkeit von Kul­tur und Kun­st in der Geschichte nach 1945 hin­ter­fragt und zusam­menge­tra­gen. Kein Witz: Als ich schlussendlich die KI fragte, wo wir heute kul­tur­poli­tisch mit Kul­tur und Kun­st ste­hen, meinte diese sim­pel: «Nice to have.» Liebe LeserIn­nen: Wir haben ein gross­es Problem!

Nach dem Krieg dominierten iden­titätsstärk­ende Ziele: Kul­tur (gemein­same Sprache, Tra­di­tio­nen, Werte, Sym­bole) soll eine Wil­len­sna­tion inner­lich zusam­men­hal­ten, deren freien Entschluss stärken, sich zu ein­er gemein­samen Nation zu beken­nen, und gren­zt auch klar nach aussen ab. Aus dieser Idee wurde die Stiftung Pro Hel­ve­tia gestärkt (Grün­dung 1939), wurde die Schweiz­er Neu­tral­ität gefes­tigt und die Mehrsprachigkeit gefördert. Die Kul­tur­poli­tik war defen­siv gedacht: Schutz der eige­nen Kul­tur – eben, die geistige Lan­desvertei­di­gung. Organ­isatorisch bedeutete dies auch: Städte und Kan­tone macht­en viel, der Bund agierte eher punk­tuell und ohne klar definierte Gesam­tauf­gabe. In den 1960er-Jahren dehnte man mit bäuer­lich­er Trägheit die Begrif­flichkeit etwas weit­er. Es kam die Zeit vom Bil­dungs­boom, von neuen sozialen Bewe­gun­gen, Massen­me­di­en, Pop­kul­tur – aber in der Schweiz fehlte noch immer ein Gesamtkonzept. Die Poli­tik hat­te es ver­pen­nt, doch Kul­tur war nicht mehr nur «hohe Kun­st», son­dern umfasste jet­zt auch All­t­agskul­tur, Medi­en, Ama­teurtätigkeit, Jugend­kul­tur. Noch heute wider­spiegelt das Organ­i­gramm vom BAK (Bun­de­samt für Kul­tur) die alten, tra­di­tionellen Tragsäulen.

Im Jahr 1975 erschien der erste kul­tur­poli­tisch und eine Basis definierende Clot­tu-Bericht, eine Studie, welche die his­torische Entwick­lung der Schweiz­er Kul­tur­poli­tik nach 1945 und vor allem den Über­gang der Idee der «geisti­gen Lan­desvertei­di­gung» zu ein­er bre­it­er ver­stande­nen und demokratisch anwend­baren Kul­tur­poli­tik beschrieb. Mit dem Clot­tu-Bericht (benan­nt nach Paul Clot­tu, welch­er die Expertenkom­mis­sion zwis­chen 1969 und 1975 leit­ete) wurde zum ersten Mal ein poli­tis­ch­er Ver­such unter­nom­men, die his­torische Entwick­lung zu bilanzieren und daraus eine Struk­tur oder Ziele zu kristallisieren. Auf Schreib­mas­chine wurde ein 498-seit­iger Bericht erstellt – kein Wun­der, dass das so lange dauerte. Das Prob­lem von diesem Bericht ist, dass er sich nur um die Sit­u­a­tion der Kün­st­lerIn­nen küm­merte. Es war sozusagen die erste offizielle Bub­ble-Bil­dung der Kun­stschaf­fend­en. Für diese ein Glück – für die Kul­turen unser­er Gesellschaften eher eine ele­mentare Fehlanalyse, so meine per­sön­liche Ansicht. Natür­lich: Die immer gröss­er wer­dende Pro­fes­sion­al­isierung im Kun­st­bere­ich liess die Kosten steigen, und das wurde über­all ohne poli­tis­chen Rück­halt zum Prob­lem. Die Zuständigkeit­en waren unklar – par­al­lel stieg die Angst vor «Staatskul­tur». Kun­stschaf­fende forderten Geld – nie­mand wagte, die Kun­st infrage zu stellen. Bis heute ist die Qual­itäts­diskus­sion kein Gegen­stand eines öffentlichen Diskurs­es, und das bet­rifft auch die kun­sthis­torische Geschichtsschreibung.

Der Clot­tu-Bericht löste keine Prob­leme, brachte der Poli­tik ein­fach mal ein Überblicksin­stru­men­tar­i­um. Verän­dert wur­den nur die Arbeitssi­t­u­a­tio­nen der Kün­st­lerIn­nen. Aber wir haben noch heute ein Bun­de­samt für Kul­tur, das nicht so recht weiss, was es eigentlich ist, unsicht­bar agiert, den öffentlichen Kon­takt scheut, und wir haben auf allen Ebe­nen eine Poli­tik, die keine Ahnung hat, was mit Kul­tur und Kun­st anzustellen ist. Dafür gibt es lokal Fürstin­nen und Fürsten (Kul­tursekre­tari­ate), die eigen­mächtig «ihre» per­sön­liche Denkmalkul­tur definieren. Vor allem haben wir aber Hor­den von Kün­st­lerIn­nen, die um Förderung, Pro­jek­t­gelder bet­teln, weil ihre Arbeit­en sys­tem­rel­e­vant seien. Da muss was dran sein, wenn so viel Geld jährlich investiert wird. Nur was? Und wofür genau investieren wir denn dieses Geld?

Der Clot­tu-Bericht wurde 1975 vorgelegt – sei­ther wurde keine solche Studie mehr gemacht, doch die Welt hat sich ein paar­mal gedreht. Wir haben die Kun­stschaf­fend­en gefördert und selb­st zu ein­er Massen­ware aufge­baut, die immer mehr Geld ver­schlingt. Die Dig­i­tal­isierung war im Jahr 1975 noch kein The­ma, und es gibt im Ver­hält­nis zu den Investi­tio­nen sehr wenig inter­na­tion­al bekan­nte Schweiz­er Kün­st­lerIn­nen. Auf den inter­na­tionalen Kun­st­märk­ten ist also wenig von diesem «Engage­ment» wahrzunehmen, und ger­ade in diesem Jahr haben es auch die renom­miertesten Kün­st­lerIn­nen auf Kun­stauk­tio­nen schw­er, die Mark­twerte zu halten.

Die Kul­tur­botschaft vom Schweiz­er Bund ist ausser­halb der Branche kaum ein Begriff, und die lokalen Konzepte sind auch viel zu ein­seit­ig auf Kün­st­lerIn­nen aus­gerichtet – es geht eigentlich nie um die Gesellschaft, um die Gemein­den, Kan­tone oder gar die nationale Iden­tität oder das nationale Schaf­fen. In der gesamten kul­tur­poli­tis­chen Diskus­sion zählt nur die Frage: Wer zahlt? Viel mehr ist der Poli­tik, aber auch der Branche selb­st und den Ver­bän­den nicht in den Sinn gekom­men. Und trotz­dem reden wir noch darüber, dass Kul­tur und Kun­st exis­ten­ziell seien für den Men­schen. Gibt es also Kul­tur und Kun­st nur mit Geld? Defin­i­tiv nein! Kul­tur ist, was der Men­sch erschafft. Das ist verkürzt jene Def­i­n­i­tion, welche die Schweiz von der glob­alen UNESCO und auch vom Europarat über­nom­men hat. Und damit zu meinem eigentlichen Prob­lem: Jährlich investiert die Schweiz unter­dessen 3 Mil­liar­den Franken aus dem Steuer­topf in Kul­tur und Kun­st – und wir schaf­fen es in mehr als 80 Jahren nicht, eine würdi­gere Kul­tur­poli­tik zu etablieren? Wir schaf­fen es nicht, regelmäs­sig neue Stu­di­en zu erschaf­fen und die kul­turellen Entwick­lun­gen poli­tisch zu inte­gri­eren? Echt jetzt?

Dieses gesellschaftliche Ver­hal­ten lässt ver­muten, dass wir den Kün­st­lerIn­nen Schweigegeld zahlen, damit sie in der Bub­ble pro­duzieren und möglichst nicht «die Fra­gen» stellen.

Dabei läuft einiges schief: Nach dem Zweit­en Weltkrieg wurde Europa poli­tisch, wirtschaftlich und kul­turell Schritt für Schritt neu geord­net. Zwei Mod­elle bilde­ten sich hier­bei: ein west­lich-demokratis­ches und ein östlich-kom­mu­nis­tis­ches Europa. Poli­tisch wurde im West­en die par­la­men­tarische Demokratie gestärkt, man suchte Sicher­heit durch Bünd­nisse wie zum Beispiel die NATO (1949) und auch durch die engere Zusam­me­nar­beit untere­inan­der. Im Osten set­zten die Sow­je­tu­nion und lokale kom­mu­nis­tis­che Parteien die «Volks­demokra­tien» durch. Oppo­si­tionelle und bürg­er­liche Kräfte wur­den aus Regierun­gen gedrängt oder aus­geschal­tet, damit der Machter­halt der «Kom­mu­nis­ten» geregelt wer­den kon­nte. Und Deutsch­land wurde in zwei Staat­en ges­pal­ten: BRD und DDR (1949), was in Europa zum Sym­bol des Kalten Krieges wurde.

Wirtschaftlich kam es in vie­len Län­dern zu einem lang anhal­tenden Wirtschafts­boom. Das war auch durch die Amerikan­er möglich, die mit Kred­iten, Waren und Know-how mark­twirtschaftliche Struk­turen förderten – natür­lich nicht nur uneigen­nützig. Zen­tral wur­den Währungsre­for­men und Wirtschaft­sre­for­men, die Preise sta­bil­isierten sich, die Läden waren voll, und das Investieren machte Freude. Man rief das Wirtschaftswun­der aus! Das ist auch die Zeit, die sich Trump heute zurück­wün­scht – vielle­icht provoziert er deswe­gen die Kriege gle­ich selb­st? Der Osten entwick­elte sich mit der Plan­wirtschaft, den Ver­staatlichun­gen und der Aus­rich­tung auf Schw­erindus­trie etwas schw­er­fäl­liger. Der West­en wiederum wollte, um Kriege in der Zukun­ft zu ver­hin­dern, Staat­en wirtschaftlich ver­flecht­en. So ent­stand bere­its 1948 die OEEC, die Organ­i­sa­tion für europäis­che wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit, und 1951 grün­de­ten 6 Staat­en (Frankre­ich, BRD, Ital­ien, Bel­gien, Nieder­lande und Lux­em­burg) die Europäis­che Gemein­schaft für Kohle und Stahl (EGKS) – so wur­den Indus­trien zen­tral kon­trol­liert. 1957 fol­gte dann mit den Römis­chen Verträ­gen die Europäis­che Wirtschafts­ge­mein­schaft (EWG), und damit man­i­festierte sich die Idee des gemein­samen Marktes.
Das kul­turelle Geschehen war in der Nachkriegszeit vor allem geprägt durch Man­gel, Trüm­mer und Bewäl­ti­gung der Kriegstrau­ma­ta. Kün­st­lerisch set­zte man sich kri­tisch mit Krieg, Schuld und Zer­störung auseinan­der. In den wirtschaftlichen Wun­der­jahren mod­ernisierte sich das Leben, und der Wohl­stand förderte die Massenkul­tur wie Film, Musik, Mode. Die Bil­dung wurde zum grossen The­ma, und man begann, europäis­che Kul­tur- und Aus­tausch­pro­gramme zu bauen. Ein gemein­sames europäis­ches Bewusst­sein war das Ziel. Das war auch in den 70ern ein The­ma. Man über­liess das gesellschaftliche Exper­i­men­tieren den Kün­st­lerIn­nen. Die Nachkriegszeit bis knapp zu den 80er-Jahren ste­ht für grossar­tige kün­st­lerische Epochen und Exper­i­mente. Noch heute ist diese Zeit ein wichtiger Fun­dus für Inspi­ra­tion und Kreativ­ität. Und die staatlichen Ver­net­zun­gen, eben auch die kul­turellen Verbindun­gen, haben uns rund 80 Jahre lang vor jeglichen Kriegstreibereien bewahrt. Europa unter­schei­det sich von vie­len anderen Kon­ti­nen­ten und Staaten­verbindun­gen genau deswe­gen. Wir sind zusam­men intel­li­gen­ter geworden.

Und man spürt bei diesem Rück­blick ein ele­mentares Detail: In der Nachkriegszeit hat­te man zwar Geld, Möglichkeit­en, durch Arbeit und Indus­trien den Wohl­stand zu bauen – aber nutzen kon­nte man das alles nur, weil man ein kul­turelles Umfeld schuf. Ohne Gesellschaft geht’s eben nicht. Nur Geld ist kein Leben und bringt von selb­st keine Leben­squal­ität. Und genau deswe­gen ist Kul­tur­poli­tik nicht «nice to have». Sie ist in der Tat gesellschaft­srel­e­vant. Wir soll­ten im Städte­bau, im Sozial­we­sen, im Gesund­heitswe­sen, in der Indus­trie und der Wirtschaft unbe­d­ingt die dritte tra­gende Säule ein­er Gesellschaft ein­binden: Kultur.

Ich habe es schon öfter geschrieben: Kul­tur ist, was der Men­sch erschafft. Das gilt auch für Poli­tik und Wirtschaft. Und im Grunde ste­ht Kul­tur über allem – ich fordere aber nur, dass Poli­tik, Wirtschaft und Kul­tur auf der gle­ichen Ebene ste­hen. Das eine kann ohne die anderen bei­den The­men nicht funk­tion­ieren. Das ist heute, nach 80 Jahren, die Erken­nt­nis, die wir in unser­er Demokratie zu definieren haben. Der Men­sch hat den Vorteil, dass er sich nicht wie ein Zebra über Mil­lio­nen von Jahren Streifen wach­sen lassen muss, um gegen Insek­ten unsicht­bar zu wer­den – wir hät­ten ein recht beweglich­es Hirn, das uns helfen kön­nte, durch gemein­sames Ver­ste­hen und Ler­nen unsere Leben­sräume bess­er zu entwickeln.
Und wo ste­hen wir heute wirklich?

Kun­st ist reine Mark­t­ware gewor­den. Wir haben unter dem Begriff Kul­tur alle kün­st­lerischen Bere­iche ver­graben und ver­suchen, ihnen einen Wert zu ver­passen, damit wir die Geld­frage ins Zen­trum brin­gen – nur ja nicht den Inhalt, die Moral, disku­tieren müssen. Kun­st ist Touris­musware gewor­den, Massenkul­tur ist gut fürs Geschäft. Inmit­ten wirtschaftlich­er Entwick­lun­gen und poli­tis­ch­er Polar­isierun­gen ist Kul­tur ein dif­fus­es und undurch­dring­bares Spielfeld für aus­gewählte SpielerIn­nen gewor­den. Moralisch ist das kul­turelle Ter­rain ein Kon­flik­t­feld der poli­tis­chen Polar­isierun­gen. Debat­ten um Migra­tion, Geschlechter­rollen, Erin­nerungskul­tur, Reli­gio­nen, Can­cel-Cul­ture oder Wok­e­ness wer­den über Sym­bole, Sprache, Kun­st und Medi­en geführt. Parteien nutzen «Kul­turfra­gen» bewusst, um Zuge­hörigkeit und Abgren­zung zu insze­nieren. Dazu gehören auch die Leitkul­tur­de­bat­ten, his­torische Nar­ra­tive und nationale Tra­di­tio­nen. Im All­t­ag herrscht ein Kun­ter­bunt von Def­i­n­i­tio­nen, die mehr Angst pro­duzieren als inte­gri­erend wirken. Die Glob­al­isierung, auch durch das Inter­net, hat eine mon­ströse Ver­wirrung geschaf­fen und das gemein­same «wir» kom­plett frag­men­tiert. Doch wed­er die Poli­tik noch die Wirtschaft haben Gegen­s­teuer gegeben – was sich heute immer mehr zum sicht­baren und fühlbaren gesellschaftlichen Desaster entwickelt.

Würde Kul­tur wieder zu einem Lead-The­ma, neben Poli­tik und Wirtschaft, würde sie eine eigene gesellschaftliche Infra­struk­tur für Zusam­men­halt, Inno­va­tion und Sinn schaf­fen und entsprechend die Welt verän­dern. Sinn und Visio­nen! Das sind doch genau die Teile, die uns so schmer­zlich fehlen. Die Kul­tur muss unbe­d­ingt wieder ser­iös wahrgenom­men wer­den. Wir haben wieder Kriege.

Nun, träu­men wir weit­er. 80 Jahre lang war’s doch ganz gemütlich unter der Decke. Nur När­rin­nen und Nar­ren haben hier Hoffnungen.

 

(Dieser Artikel wurde im ensuite — Zeitschrift zu Kul­tur & Kun­st, April 2016, Nr. 280 abgedruckt.)

Damit die Organisation und auch die Events kostengünstig durchgeführt werden können, brauchen wir finanzielle Unterstützung.

we are gmbh / Projekt: BKK
Sandrainstrasse 3; CH-3007 Bern
IBAN CH96 0900 0000 6066 7599 4

Interessiert an unserer Arbeit? Scheiben Sie sich in unser Newsletter-System ein und Sie erhalten zwischendurch Infos - und natürlich auch Einladungen, wenn wir was vorhaben ...