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Kultur und Nachhaltigkeit

Der Begriff Nach­haltigkeit ist in der Def­i­n­i­tion vor allem beset­zt durch ökol­o­gis­che, ener­getis­che und moralis­che The­men. In der Kul­tur­förderung wird «nach­haltig investiert», und man meint damit Gebäude­m­an­age­ment, Betrieb­sökonomie, soziale Teil­habe und faire Anstel­lungs­be­din­gun­gen. Ziel dieser Nach­haltigkeits­de­f­i­n­i­tio­nen sind langfristige, krisen­feste Finanzierungs- und Organ­i­sa­tion­s­mod­elle für Kul­turein­rich­tun­gen. Doch das Wichtig­ste geht kom­plett vergessen.

Von Lukas Vogelsang

Jährlich investieren wir als Gesellschaft in der Schweiz gemein­sam Geld in die Bere­iche Kul­tur und Kun­st, in die Kreativwirtschaft, um so das imma­terielle, geistige Wach­s­tum der Gemein­schaft voranzutreiben. Wir wollen miteinan­der und voneinan­der ler­nen, uns gemein­sam aus­tauschen, moralis­che The­men disku­tieren, debat­tieren und so als mündi­ge Men­schen weit­erkom­men. Die Idee ist, dass wir unser Wis­sen und unsere Erfahrun­gen teilen, dass wir durch deren Durch­mis­chung auf neue Impulse für neue Lösun­gen stossen, aber auch, dass wir uns gegen­seit­ig respek­tieren, akzep­tieren und schätzen ler­nen. Eine starke Kul­tur macht ein Land stark – das hat aber nichts mit ein­er «Unter­hal­tungs-» oder «Showin­dus­trie» zu tun oder damit, wie gut die Kul­turschaf­fend­en für ihre Arbeit bezahlt wer­den. Dieser Ansatz ist grund­falsch, denn Kul­tur ist ein Bestandteil der gesamten Bevölkerung und nicht ein­er auser­wählten Beruf­s­gilde. Kul­tur ist die moralis­che Instanz in der Poli­tik, die sich anson­sten nur an Wirtschaft und Macht ori­en­tiert. Logisch, müssen alle Angestell­ten oder Selb­st­ständi­gen in einem Staat eben­so eine würdi­ge und gesicherte Exis­tenz führen kön­nen. Und auch der Ser­vice pub­lic gehört in den Bere­ich der Kul­tur. Doch genau das ist mit unserem heuti­gen Kul­turver­ständ­nis nicht gegeben. Wir tun nur so.

Am The­ma der Nach­haltigkeit kön­nen wir das gut erken­nen: Es geht dabei nicht primär um kli­ma­tis­che Ziele oder um Geld, wenn wir in der Kul­tur über Nach­haltigkeit sprechen – son­dern um unsere Moral, unser gemein­sames Ver­ständ­nis der Zeit und vor allem darum, dass diese Investi­tion in Kul­tur und Kun­st in der Gesellschaft eine Entwick­lung voran­bringt. Kul­tur und Nach­haltigkeit meinen eigentlich das intel­li­gente und gesunde Wach­s­tum ein­er Gesellschaft. Das bed­ingt, dass wir Zustände in der Gesellschaft analysieren, Dinge erken­nen, disku­tieren und entsprechend han­deln. Stu­di­en gibt es viele, doch in Kul­tur und Kun­st suchen wir sie ziem­lich vergebens. Das irri­tiert mich bei den jährlichen Kul­tur­in­vesti­tio­nen von fast 3 Mil­liar­den und den zusät­zlichen Mil­liar­den­spritzen von Stiftun­gen und Pri­vat­en. Bei jedem anderen Bere­ich in ein­er Gesellschaft führen wir Sparde­bat­ten, wollen Effizienz und Ergeb­nisse sehen. Doch die Kul­tur­förderung liefert da nichts – nur das Faz­it: «Kul­tur ist wichtig.»

Die grossen moralis­chen Fra­gen wer­den heute in der Poli­tik ohne Bevölkerung definiert. Wirk­lich sin­nvoll wäre das, wenn unsere Poli­tik­erIn­nen gross­es Inter­esse an kul­turellen und damit auch an philosophis­chen The­men hätten.

Die grossen moralischen Fragen werden heute in der Politik ohne Bevölkerung definiert.

Also eine Art «Rat der Weisen» bilden wür­den. Wer poli­tis­che Debat­ten ver­fol­gt, weiss, dass wir da weit davon ent­fer­nt sind. Genau aus diesem Grund ist die Kluft zwis­chen Poli­tik­erIn­nen, dem Staat­sap­pa­rat und der Bevölkerung zunehmend gewach­sen. Das sehen wir in der Schweiz in den Abstim­mungsergeb­nis­sen bei fast 50 zu 50 Prozent. Solche Ergeb­nisse repräsen­tieren eine zer­ris­sene Kul­tur. Im Nach­bars­land Deutsch­land demon­tieren die poli­tis­chen Parteien diese sicht­bar selb­st: Die AfD, eigentlich «für Deutsch­land», zer­reisst das Land, statt es zu kit­ten. Die SVP bei uns genau gle­ich. Wofür also investieren wir so viel Geld in unsere «Kul­tur»?

Ich bemän­gle schon lange, dass sich die Kul­tur­förderung nur um kün­st­lerische Belange bemüht. Die Kul­tur­abteilun­gen der Städte, Kan­tone, aber auch das Bun­de­samt für Kul­tur sind nur noch Ersatz für Kul­turgew­erkschaften oder deren ver­längert­er Arm. Der Ver­band Suis­secul­ture hat nur die Auf­gabe, Kul­turschaf­fende wirtschaftlich zu schützen. Der Dia­log mit der Bevölkerung wird von allen sys­tem­a­tisch ver­hin­dert und block­iert. Das sieht man neu sehr schön bei dem Webauftritt vom Bun­de­samt für Kul­tur (BAK): Nur im Impres­sum sind noch eine Tele­fon­num­mer und eine E‑Mail pub­liziert – anson­sten wer­den keine Namen oder Per­so­n­en genan­nt – auss­er man studiert das Organ­i­gramm. Möglichst keine Diskus­sion mit der Öffentlichkeit – das ist sog­ar Konzept im BAK gemäss ein­er Aus­sage eines lei­t­en­den Mitarbeiters.

Genau­so demon­tieren wir aber unsere Investi­tion, die uns gesellschaftlich weit­er­brin­gen sollte. Die Kul­tur­branche inter­essiert sich nur für die eigene Wirtschaftlichkeit, und die Gesellschaft wird als zahlen­des Pub­likum wahrgenom­men. Dabei geht es immer um uns alle und darum, wie wir miteinan­der agieren. Aber das Bild der Kul­turschaf­fend­en, die für ihre Arbeit sub­ven­tion­iert wer­den und von der Gesellschaft zusät­zlich Tick­ets ver­lan­gen, offen­bart ein son­der­bares Kul­turver­ständ­nis und eine son­der­bare Kul­tur­de­f­i­n­i­tion. Darüber müssen wir drin­gend nach­denken, denn die 3 Mil­liar­den kön­nten wir son­st ergiebiger für die kom­menden Klimaprob­leme ver­wen­den – davon wür­den wesentlich mehr Men­schen prof­i­tieren. Bei kaum einem anderen gesellschaftlichen Investi­tions­bere­ich fehlt eine so klare Def­i­n­i­tion der erwarteten Gegen­leis­tung wie in der Kul­tur­förderung – und vor allem fehlt eine sicht­bare Entwicklung.

Nach­haltigkeit in der Kul­tur heisst, dass wir durch unsere Investi­tio­nen einen erkennbaren gesellschaftlichen Fortschritt messen kön­nen. Doch wir ste­hen heute vor dem Prob­lem, dass die Gesellschaft in viele kle­in­ste Frag­mente aufgeteilt ist und wir kaum noch in einem gemein­samen Staat leben. Und genau diese Ver­ant­wor­tung haben die Poli­tik­erIn­nen, die Kul­turver­ant­wortlichen, die Kul­turschaf­fend­en, die Medi­en und auch die Bevölkerung ver­nach­läs­sigt. Wie wenig Inter­esse der Staat tat­säch­lich an unserem kul­turellen Gedächt­nis hat, musste ich kür­zlich selb­st erfahren – als ich das Bun­de­samt für Kul­tur anfragte, ob es an unserem dig­i­tal­en Artike­larchiv inter­essiert wäre. Das ist kul­turhis­torisches Mate­r­i­al aus einem Viertel­jahrhun­dert Schweiz mit über 12 000 Beiträ­gen, die nicht als Wer­bung oder PR-Artikel pub­liziert, son­dern von über 400 Mitar­bei­t­erIn­nen in 25 Jahren unab­hängig selb­st gese­hen und ent­deckt, recher­chiert, erlebt und erzählt wur­den. Ich wurde im Früh­ling von einem deutschen Archiv darauf ange­sprochen, dass es sehr daran inter­essiert wäre, und so suchte ich das Gespräch mit dem Bun­de­samt für Kul­tur. Doch die haben kein Inter­esse – auch nicht an einem Gespräch. Absurd?

Darum wird es jet­zt Zeit, gemein­sam über eine wirk­lich nach­haltige Kul­tur nachzudenken.

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