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Hört endlich auf mit den Griechen!

Während der Pro­duk­tion der let­zten Aus­gabe von ensuite stiess ich beim Platzieren eines Bildes von Han­nah Arendt in der Bildle­gende auf den Auf­nah­me­ort: «1. Inter­na­tionaler Kul­turkri­tik­er-Kongress» in München, 1958. Die Frage stellte sich umge­hend: Gab es weit­ere Kon­gresse, und was wurde an diesem Kongress besprochen? Damit begann eine inten­sive Begriff­sa­u­far­beitung. Und gle­ich vor­weg: Nein, es gab nie mehr einen Kul­turkri­tik­erIn­nen-Kongress. Das müssen wir nachholen.

Von Lukas Vogelsang

Aber ken­nen Sie, liebe LeserIn­nen, noch Kul­turkri­tik­erIn­nen? Nein, das sind nicht jene, die Kun­st kri­tisieren, son­dern jene, die den Begriff Kul­tur aus dem gesellschaft­sun­ter­hal­tenden Teil wieder her­au­soperiert haben und im Sinne der «Altera Natu­ra» (Lateinisch für «andere Natur» oder «zweite Natur») definieren. «Altera Natu­ra» beze­ich­net in Philoso­phie und Kul­tur­the­o­rie die vom Men­schen durch Gewohn­heit, Erziehung und Habi­tus geschaf­fene kün­stliche Lebenswelt – also alles, was nicht «von Natur aus» («physis»), son­dern durch men­schlich­es Tun ent­standen ist. Die eigentliche Natur ste­ht über allem, denn wir Men­schen sind Natur. Unser Ver­stand ermöglicht es, uns von anderen Wesen zu unter­schei­den oder uns unter­schiedlich zu machen. Seit der Aufk­lärung vor rund 250 Jahren haben wir zudem die Erken­nt­nis erlangt, dass der Men­sch durch die eigene Ver­nun­ft mündig wer­den und sich von religiös­er sowie staatlich­er Bevor­mundung befreien kann. Der Begriff «Kul­tur» bedeutet also weit mehr als nur das kün­st­lerische Tun und Schaf­fen. Das ist meine andauernde Kri­tik an der soge­nan­nten «Kul­tur­förderung», die heute fast nur noch als Kun­st­förderung betrieben wird, weshalb der staatliche Auf­trag längst nicht mehr funk­tion­ieren kann. Seit der Aufk­lärung sollte eigentlich jed­er Men­sch eigen­ständig denken, urteilen und han­deln kön­nen, egal, woher er stammt oder wie er sich definiert – das ist die Grund­lage für indi­vidu­elle und poli­tis­che Frei­heit. Bei manchen LeserIn­nen klin­gelt es jet­zt «woke» in den Ohren, wenn wir an die heutige Welt­si­t­u­a­tion denken oder schon nur an den Recht­srutsch in Deutsch­land durch die AfD.

Und ich weiss, dass ich mit diesem Beitrag etwas salopp durch die The­matik galop­piere, aber das ist platzbe­d­ingt, und ja, es bedarf noch viel­er Gedanken. Ger­ade die Poli­tik ignori­ert näm­lich den Begriff «Kul­tur» kom­plett und missver­ste­ht deren Funk­tion. Die Wahlen in Sach­sen-Anhalt haben das ger­ade her­vor­ra­gend illus­tri­ert; noch ein­fach­er lässt es sich am Begriff «kul­turelle Teil­habe» erk­lären: Woran soll der Men­sch «teil­haben»? Kul­tur ist ein Ist-Zus­tand, und alles, was Kul­tur for­men will, nen­nt sich Manip­u­la­tion und Auss­chluss. Eine «kul­turelle Teil­habe» zu ermöglichen – so vom Bun­de­samt für Kul­tur (BAK) definiert –, bed­ingt, dass eine Elite eine «Kul­tur» definiert hat, an der wir net­ter­weise Anteil nehmen dür­fen, wir «Unter­ta­nen». Somit steck­en wir bere­its tief im Schla­mas­sel drin. Zwar bemüht sich das BAK bei der Def­i­n­i­tion von «kul­tureller Teil­habe» um eine philosophisch kor­rek­te Inter­pre­ta­tion, doch scheit­ert es kläglich, wenn es Kul­tur­förderung und kul­turelle Teil­habe nur im Zusam­men­hang mit Kun­st definiert. Sprich: Man ist ver­sucht, allen gerecht zu wer­den, doch eigentlich ist die Sit­u­a­tion umgekehrt. Die Men­schen SIND bere­its kul­turell inte­gri­ert, und ein Staat müsste sich ver­wal­tung­stech­nisch diesen Men­schen unterord­nen. Genau das Gegen­teil ist aber der Fall. Kun­stschaf­fende geben Gesuche ein und bet­teln darum, dass das definierte Staatssys­tem Gefall­en find­et an den Din­gen. Nicht die Bevölkerung erk­lärt, was ihrer Kul­tur entspricht, son­dern ein Staat­sap­pa­rat, der von der Poli­tik definiert wird.

Jet­zt kön­nte man sagen: Okay, in ein­er Demokratie sind das unsere gewählten Poli­tik­erIn­nen. Ja, kön­nte man. Nur: Nie­mand von denen inter­essiert sich für Kul­tur. Im Jahr 2009 wurde ein Ver­such, einen Kul­tur­rat auf Bun­de­sebene als bera­tende Insti­tu­tion aufzubauen, abgelehnt – aus­gerech­net Bun­desrat Pas­cal Couchep­in, Vorste­her des Departe­ments, dem das Bun­de­samt für Kul­tur unter­ste­ht, wollte nicht, dass eine demokratis­che Kul­tur­diskus­sion entste­ht. Vorder­gründig erk­lärte er, dass er eine lib­erale Kul­tur­poli­tik vertrete, bei der der Staat als Mäzen und nicht als lenk­ende Instanz auftreten solle. Nun, ein Mäzen lenkt, ein Kul­tur­rat disku­tiert und berät. Tja – die Macht weiss, wie sie sich vertei­di­gen muss. Der einzige grosse und weg­weisende kul­tur­poli­tis­che Experten­bericht wurde 1975 fer­tiggestellt. Die Kom­mis­sion startete 1969 und tippte in sechs Jahren die rund 500 Seit­en noch auf der Schreib­mas­chine. Der Bericht, kurz «Clot­tu-Bericht», weil der Präsi­dent dieser Kom­mis­sion Gas­ton Clot­tu hiess, definierte und erfasste vor allem die Sit­u­a­tion der Kun­stschaf­fend­en in der Gesellschaft zu dieser Zeit. Sich­er – eine sehr wichtige Erfas­sung. Aber sie ist nicht wirk­lich Teil der funk­tionalen Kul­tur­diskus­sion.
Ich erk­läre diese Dinge, weil sich die Welt­lage heute – mit diesen klein­teilig frag­men­tierten Gesellschaftsstruk­turen – genau gegen­läu­fig zu jeglichem «Kul­tur­förder­pro­gramm» entwick­elt hat, welch­es sich der poli­tis­che Prozess erhofft hat. Sehr schön zu beobacht­en in Deutsch­land, wo Kan­zler Merz hände- und um Worte rin­gend die Bevölkerung immer tiefer belei­digt und die Wäh­ler­schaft weg von «sein­er Elite» zur AfD führt. Die Gräben und Punk­tegewinne von rechts und links sind längst viel wichtiger als der kul­turelle Dia­log miteinan­der. Es geht dabei nicht um die Men­schen in einem Land, son­dern um die Men­schen in der Poli­tik selb­st. Und so gese­hen haben wir eben ganz viel «Kul­tur» ver­loren und steuern – und das ist im Zusam­men­hang mit dem Aufk­lärungs­the­ma ein inter­es­santes Para­dox – auf anar­chis­tis­che Zustände zu. Doch darum geht es mir nicht, im Gegen­teil: Ich ver­suche, einen Weg zu find­en, wie wir wieder Wirtschaft, Poli­tik und Kul­tur in das Staatskon­strukt inte­gri­eren kön­nen, auf Augen­höhe und in ein­er gemein­sam verteil­ten Gesellschaft­sor­d­nung und Staatskraft. So frag­men­tiert die Gesellschaften auch sein mögen, wir sollen uns trotz­dem als gemein­same Gesellschaft definieren kön­nen. Und die Men­schen sollen eben nicht aus­geschlossen wer­den, nicht bloss teil­haben, son­dern jede und jed­er soll ein ele­mentar­er und respek­tiert­er Teil sein. Nie­mand ste­ht über dem anderen.

Und was hat das alles jet­zt mit den Griechen und mit Han­nah Arendt zu tun?

«Kul­tur, was immer wir darunter ver­ste­hen mögen, gehört keineswegs mehr zu den Din­gen, die wir fra­g­los und dankbar hin­nehmen. Das Wort selb­st erregt Unbe­ha­gen, und zwar nicht sowohl bei den Gebilde­ten als bei den Kul­turschaf­fend­en, bei den­jeni­gen, welche die Dinge her­stellen, deren Gesamtheit eine Kul­tur aus­macht. Ist man sich in den Über­legun­gen nicht dieses uns allen gegen­wär­ti­gen Mis­strauens bewusst, so redet man, fürchte ich, sowohl an dem vor­bei, was ist, wie an dem, was sein kön­nte.» (Han­nah Arendt, 1958)

Nun, an diesem «Inter­na­tionalen Kul­turkri­tik­er-Kongress» in München im Jahr 1958 trat­en diese vier Kul­turkri­tik­erIn­nen ins Ram­p­en­licht: Max Horkheimer mit «Philoso­phie als Kul­turkri­tik», Han­nah Arendt mit «Kul­tur und Poli­tik», Lud­wig Mar­cuse mit «Kul­tur-Pes­simis­mus» und Oswald von Nell-Bre­un­ing mit «Unsere Gesellschaft und ihr kul­turelles Gesicht». Ich habe mir jet­zt erst mal den Essay von Han­nah Arendt vorgenom­men, auch weil am 14. Okto­ber 2026 ihr 120. Geburt­stag wäre. Doch was ich las, über­raschte mich schw­er. Ein­er­seits spricht Han­nah Arendt in diesem Text in ein­er ähn­lichen Sprache wie Rudolf Stein­er, der Begrün­der der Anthro­poso­phie, und von «der Kun­st der Zer­störung» und mit anderen Wortschwül­sten. Ander­er­seits irri­tierten mich eben die Griechen: Wie kann man «heute» noch die Griechen als Vor­bild nehmen, die den Men­schen als höch­ste Stufe definierten, gottesähn­lich und selb­st im Gespräch mit den Göt­tern? Dieses Bild wurde mit der Aufk­lärung eigentlich vor 250 Jahren zertrüm­mert. Es gibt keinen halt­baren Grund mehr, sich an den Griechen zu ori­en­tieren – sehr wohl darf man den Geschicht­en fol­gen und sie inter­pretieren. Aber bezüglich unser­er Weltan­schau­ung müssen wir vor­sichtiger sein. Auch die SVP ori­en­tiert sich gerne an den alten Griechen – deren Macht­struk­turen passen eben sehr gut in die patri­ar­chalis­chen Welt­bilder. Doch das sind Prä­gun­gen, deren wir uns entledi­gen müssen. Nicht ein­fach so, weil das eine neue Ide­olo­gie ist, son­dern weil das seit 250 Jahren gek­lärt ist und wir uns den neuen Entwick­lun­gen stellen müssen. Wer etwas nach 250 Jahren immer noch nicht ver­standen hat, ist dumm – ich entschuldige mich auch gle­ich für diese Wer­tung. Aber ich empfinde das als unfass­bar igno­rant und all­ge­mein entwick­lung­shem­mend. Es erk­lärt die geistige Ver­fas­sung von uns Men­schen von heute, die Prob­leme der Völk­er­wan­derun­gen und das gegen­seit­ige Missver­ste­hen in fast allem.

Han­nah Arendt hat zudem in ihrem Essay die Begriffe Kul­tur und Kun­st kom­plett ver­mis­cht. Sie spricht von Kun­st in der Poli­tik, meint aber Kul­tur, und es kommt nicht wirk­lich zu einem logis­chen Faz­it – vor allem ist der Essay viel zu lang, ohne effek­tive Aus­sage. Logisch: Wer die einzel­nen Begriffe richtig zuord­net, ver­ste­ht nur noch Bahn­hof. Einzig in einem Punkt habe ich mich bei Arendt sehr gefreut: Sie spricht darüber, wie die Elite sich an der Kun­st und über die Kun­st definiert, die Kün­st­lerIn­nen aber nicht an den Tisch lässt, nicht mitregieren lässt, im Gegen­teil. Die Kün­st­lerIn­nen sind gesellschaftlich min­deren Wertes. Und das ist schon seit den Griechen so! Auch das sollte uns sehr zu denken geben.

Eben, knapp 11 Jahre später wollte das Team um Gas­ton Clot­tu diesem Zus­tand ent­ge­gen­wirken – doch bis heute ist wenig geschehen, auss­er dass alles nach Geld schre­it und man die Altersvor­sorge zu organ­isieren ver­sucht. Schlim­mer noch: Die öffentliche Hand hat die Kul­tur- und Kun­st­förderung für grosse Pro­jek­te und Insti­tu­tio­nen über­nom­men und damit die Wirtschaft ver­drängt, die aber keine Lust hat, kleine Pro­jek­te und Kün­st­lerIn­nen zu finanzieren, die kaum Sicht­barkeit brin­gen. Die Poli­tik insze­niert sich mit den grossen Pro­jek­ten und Insti­tu­tio­nen – auf Kosten der gesamten Kul­tur­fi­nanzierung und deren Stel­lung in der Gesellschaft. Dieser poli­tis­che Move geschieht unter­dessen über­all: Auch Klein­bauern will man die die Direk­t­sub­ven­tio­nen stre­ichen, den Grossen nicht. Und so waren die Mobil­iar-Ver­sicherung oder die Migros mal grosse Kul­tur­förder­er – doch heute finanzieren die lieber Sportevents. Das ist ein sehr grober Fehler im Gesellschaft­skonzept und in der Kul­tur­förderung – und nie­mand sagt was.

Dafür haben wir heute eine Art Finanzierung­spro­gramm für Kün­st­lerIn­nen, in dem wir ihnen selb­st definierte Aufträge bewil­li­gen und diese mit Steuergeld bezahlen – aber in der Gesellschaft hat das keine Wirkung, weil das alles als Unter­hal­tung­spro­gramm insze­niert wird. Ander­srum: Wir investieren jährlich 3 Mil­liar­den Steuer­franken in Kul­tur und Kun­st. Welche gesellschaftlichen Entwick­lun­gen haben wir denn damit erre­icht? Sind wir heute eine bessere Gesellschaft als let­ztes Jahr?

Als ich im Früh­ling eine kün­stliche Intel­li­genz danach befragte, was nach dem Zweit­en Weltkrieg beim Wieder­auf­bau von Europa aus den drei Säulen «Wirtschaft, Poli­tik und Kul­tur» gewor­den sei, meinte diese nüchtern: «Kul­tur» sei heute nur noch «nice to have».
Darum müssen wir unbe­d­ingt aufhören, die alten Griechen zu zitieren. Darum müssen wir unbe­d­ingt anfan­gen, den Begriff «Kul­tur» in einen öffentlichen Def­i­n­i­tions­di­a­log zu brin­gen, und deswe­gen müssen wir die Ämter für Kul­tur von Gemein­den, Kan­to­nen und Bund und auch die Poli­tik aus ihren Löch­ern zer­ren und dazu brin­gen, hinzuschauen, was sie zu ver­wal­ten haben. Es geht in einem Land in erster Lin­ie um Men­schen – danach um Poli­tik und Wirtschaft. Nicht die Elite definiert, wer wir sind. Wir sind bere­its – und es geht jet­zt darum, dies gemein­sam zu leben. Nicht in Insid­er-Bub­bles, wo sich die Insid­er gegen­seit­ig Preise ver­lei­hen, Pro­jek­te zus­pie­len und die Bevölkerung nur als Sta­tistIn­nen und ZuschauerIn­nen Tick­ets kaufen muss, um wenig­stens irgend­wie eine «kul­turelle Teil­habe» wahrnehmen zu kön­nen. Es geht darum, weniger auszuschliessen und uns für alle Men­schen zu öffnen.

 

 

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