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Städtische Berner Kulturstrategie: ACHTUNG!

(Brief an den Stadt­rat) Kurz­fris­tig, am 17. Novem­ber 2016, soll an der Stadt­rats­sit­zung die neue Kul­tur­stra­te­gie dis­kus­si­ons­los durch­ge­wun­ken wer­den – selbst die Kul­tur­sze­ne hat intern noch kei­ne Zeit gehabt, dar­über zu dis­ku­tie­ren. Vie­le sind sich nicht bewusst, wel­che Fol­gen die­ses Doku­ment hat. Des­we­gen soll­ten wir gut dar­über nach­den­ken (von links, wie rechts!) und kurz inne­hal­ten. Die Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz bit­tet des­we­gen dar­um, das Geschäft zu ver­ta­gen.

Die Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz möch­te ein paar Anmer­kun­gen mit­ge­ben – und wir beto­nen: Die­se Stra­te­gie wird bin­dend sein bis ins Jahr 2028. Die Kul­tur einer Stadt beschreibt die Zufrie­den­heit und Ent­wick­lungs­fä­hig­keit, Inte­gra­ti­ons­po­ten­tia­le, Inno­va­ti­ons­po­ten­tia­le, Moti­va­ti­on der Ein­woh­ner. Die­se wer­den ganz unter­schied­li­ch wahr­ge­nom­men und dar­ge­stellt. Wir haben mit der Abtei­lung Kul­tur Stadt Bern in der Bun­des­stadt eine Insti­tu­ti­on und die Kul­tur­stra­te­gie wäre deren Werk­zeug. Nur scheint das Werk­zeug kei­ne kla­re Funk­ti­on zu besit­zen: Was frü­her als «Giess­kan­nen­prin­zip» galt, ist nach die­ser neu­en Kul­tur­stra­te­gie eine gan­ze Sprink­ler­an­la­ge im Dau­er­be­trieb.

Ein paar wesentliche Punkte, die es zu beachten gilt:

  1. Bis 2028 Pro­gno­sen und Absich­ten zu for­mu­lie­ren, die auf Annah­men und Bauch­ge­füh­le beru­hen und ohne Fach­leu­te, Quel­len­an­ga­ben, Ana­ly­sen gemacht wer­den, fin­den wir pro­ble­ma­ti­sch. Die Ein­wür­fe der Kul­tur­sze­ne wur­den nicht gemein­sam dis­ku­tiert – auch nicht in den Insti­tu­tio­nen intern.
  2. Die Kin­der- und Jugend­för­de­rung ist über­ge­wich­tig in der Stra­te­gie aus­ge­legt. Der Kan­ton Bern macht dies­be­züg­li­ch ganz viel – irgend­je­mand soll­te sich mal für die Kul­tur für die über 25-jäh­ri­gen küm­mern. Wir leben in einer älter wer­den­den Schweiz, wir leben län­ger. ¾ der Men­schen aus Bern wer­den mit der neu­en Kul­tur­stra­te­gie nicht ange­spro­chen. Wo unter­stüt­zen wir die kul­tu­rel­len Akti­vi­tä­ten für die­se Grup­pen? Wel­che Mass­nah­men sind stra­te­gi­sch geplant? Die­se feh­len in die­ser Stra­te­gie oder sind nur irgend­wie wage ange­merkt.
  3. Die Digi­ta­li­sie­rung des All­tags ist unbe­strit­ten. Aber mit der Digi­ta­li­sie­rung kommt auch die Glo­ba­li­sie­rung. Wie will Bern in die­sem glo­ba­len Umfeld sich ver­hal­ten, wenn es kei­ne Fach­kom­pe­tenz in der Abtei­lung Kul­tur Stadt Bern, kei­ne Struk­tu­ren, kei­ne Qua­li­täts­dis­kus­sio­nen gibt? Wer forscht und berät bis 2028 in die­sem Bereich die Kul­tur­schaf­fen­den? Die Abtei­lung Kul­tur Stadt Bern?
  4. Die vor­lie­gen­de Stra­te­gie bringt kei­ne Lösun­gen oder Aus­rich­tun­gen bis 2028. Nur JA zu sagen zur Kul­tur einer Stadt ist kein Kon­zept – das ist ein Zustand. Kul­tur ist der Leim der Gesell­schaft. Wenn wir die gegen­wär­ti­ge Wut­bür­ger­si­tua­ti­on betrach­ten, und in die­ser neu­en Kul­tur­stra­te­gie nach Lösungs­an­sät­zen suchen, stel­len wir fest, dass die Gesell­schaft gar nicht wahr­ge­nom­men wird. Öffent­li­ch geför­der­te Kul­tur darf aber nicht blind nur für sich funk­tio­nie­ren und pro­du­zie­ren, son­dern trägt eine gesell­schaft­li­che Funk­ti­on. Die Kul­tur­dis­kus­si­on ist ein poli­ti­sches Werk­zeug – nicht umge­kehrt. Und gen­au die­se «Zustands­mes­sung», Wahr­neh­mung, Ana­ly­se, Bera­tung ist in der Kul­tur­stra­te­gie bis 2028 nicht vor­han­den!
  5. Die Abläu­fe will man ver­ein­fa­chen, hat aber im glei­chen Atem­zug mehr Ämter in die kul­tu­rel­le Mit­spra­che geholt. Die For­de­rung, dass dies alles mehr Geld kos­ten wird, steht auch schon. Aber das sind Abläu­fe, wel­che nicht den Kul­tur­schaf­fen­den zugu­te­kom­men. Das Geld fliesst so in die Ver­wal­tun­gen. Und da die­se Kul­tur­stra­te­gie kei­ne Vor­la­ge lie­fert von Schwer­punk­ten oder Aus­rich­tun­gen, gibt es auch kei­ne Mög­lich­keit, die­se For­de­run­gen nach mehr Ver­wal­tungs­geld poli­ti­sch zu steu­ern. Damit öff­nen wir nur das Gra­ben­den­ken und schla­gen dem Fass den Boden raus.
  6. In die­ser Kul­tur­stra­te­gie wird kei­ne ein­zi­ge Kul­tur­in­sti­tu­ti­on kon­zep­tu­ell erwähnt, inte­griert oder mit den ande­ren Insti­tu­tio­nen zusam­men in ein Ange­bot gebracht. Man woll­te sich nicht fest­le­gen. Das heisst, dass auch die freie Sze­ne nicht fest­ge­legt wird. Je nach Kräf­te­wir­ken wird ent­spre­chend Geld ver­teilt und da die­ses nicht end­los zur Ver­fü­gung steht, muss trotz­dem jemand bezah­len. Im Nor­mal­fall sind das die Schwächs­ten. In die­sem Fall die Kul­tur­schaf­fen­den, die freie Sze­ne – aus­ge­rech­net jene, die wir eigent­li­ch för­dern wol­len, wel­che die Inno­va­ti­on, das kul­tu­rel­le Erbe, die künst­le­ri­schen Umset­zun­gen und Dia­lo­ge pro­du­zie­ren. Sie sind die gros­sen Ver­lie­re­rIn­nen in die­ser Kul­tur­stra­te­gie. Dafür inves­tie­ren wir Geld in den Sand­stein.

Es ist bezeich­nend, dass sich zur­zeit kaum jemand mit die­ser Kul­tur­stra­te­gie anfreun­den kann – es gibt kaum posi­ti­ve Stim­men. Das Votum muss heis­sen: Kul­tur­stra­te­gie JA! – aber ver­bes­sern. Die Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz bit­tet die Stadt­rä­tIn­nen, die­ses «Geschäft» zurück­zu­wei­sen und auf spä­ter zu ver­schie­ben. 

Die Bun­des­stadt soll­te sich nicht mit hal­ben Sachen brüs­ten.

Mit freund­li­chem Gruss
Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz
Caro­la Ert­le & Lukas Vogel­s­ang
(Initi­an­tIn­nen)