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Eröffnungsrede Alexandre Schmidt am Kulturforum

schmidtAlex­andre Schmidt durf­te das 1. Ber­ner Kul­tur­fo­rum mit­er­öff­nen. In sei­nem Refe­rat erläu­ter­te er, war­um
– Kul­tur mehr ist als Wirt­schaft,
– Kunst ein Grad­mes­ser für Frei­heit und
– Frei­heit für die Kul­tur wich­ti­ger als Geld.

«Ich begin­ne mit der schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung. Die schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung ist eine prä­gnan­te Kurz­for­mel, die das Wir­ken des Men­schen erklärt. Der Men­sch zer­stört durch Inno­va­ti­on alte Struk­tu­ren und schafft dafür neue. Bspw. der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert so. Sinn­ge­mäss hat die­se For­mel Karl Marx ver­wen­det. Durch­ge­setzt hat sich der Begriff mit Josef Schum­pe­ter, einem bedeu­ten­den Öko­no­men. Und Nietz­sche geht im Zara­thus­tra noch wei­ter (Zitat): „Und wer ein Schöp­fer sein muss im Guten und Bösen: wahr­li­ch, der muss ein Ver­nich­t­er erst sein und Wer­te zer­bre­chen.“ Dass sich das neue nur durch­setzt, wenn das alte ver­drängt und gar zer­stört ist: Die Mensch­heit wäre eine Ande­re, wenn nicht nur die Wirt­schaft oder Kriegs­fürs­ten, son­dern auch die Kul­tur so funk­tio­nie­ren wür­de. Zum Glück macht es die Kul­tur anders.

Die Kul­tur bie­tet näm­li­ch mehr als schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung. Kul­tur ist natür­li­ch schöp­fe­ri­sch. Aber: Kul­tur belässt zugleich das Erschaf­fe­ne. Kul­tur ver­zich­tet auf die Zer­stö­rung. Die Kul­tur ist statt­des­sen eine stän­di­ge Zuga­be, eine stän­di­ge Ergän­zung.

Dar­um gibt die Kul­tur der Mensch­heit so viel Halt. Dar­um ist Kul­tur auch mehr als Wirt­schaft, die dem Alten kei­nen Platz lässt. Und dar­um darf uns die Kul­tur auch etwas kos­ten. Dar­um darf man sich nicht, nicht für Kul­tur inter­es­sie­ren. Schon gar nicht als Poli­ti­ker, und schon gar nicht als Frei­sin­ni­ger.

Damit wären wir bei der Kul­tur­po­li­tik. Die Kul­tur­po­li­tik muss einer­seits dem Bestehen­den und bereits Geschaf­fe­nen Platz ein­räu­men, ander­seits muss Platz da sein für das Neue. Kul­tur wird oft als Zumu­tung oder als Pro­vo­ka­ti­on ver­schrien. Das sind Ver­su­che der Zen­sur. Zen­sur dür­fen wir in kei­ner Form und auch nicht in kleins­ter Dosis zulas­sen. Anders gesagt: Wir müs­sen Ver­trau­en in die Kunst­schaf­fen­den haben.

Platz für neue Kunst. Was das ist, wis­sen wir immer erst, wenn die Kunst gemacht ist. Nicht vor­her. Dar­um müs­sen wir Über­ra­schungs­mo­men­te nicht ein­fach zulas­sen, son­dern wol­len. Dank der Kunst erhal­ten wir einen Mehr­ge­winn, bspw. in dem wir etwas zu sehen bekom­men, an das wir nicht gedacht haben.

Kunst ist für mich als Libe­ra­ler ein Aus­druck der Frei­heit, auch ein Refu­gi­um der Frei­heit. Kunst ist ein Grad­mes­ser der Frei­heit, näm­li­ch was die Gesell­schaft zulässt.

Was Sie wol­len, ist Frei­heit. Was ich als Poli­ti­ker Ihnen gewäh­ren will, ist Frei­heit. Und Frei­heit ist mehr als Geld.

Und da bin ich bei den Feh­lern, die man in einer Kul­tur­po­li­tik machen kann. Fal­sch ist, immer wie­der allen Akteu­ren etwas mehr Geld zu orga­ni­sie­ren. Sol­ches macht vie­le in der Kul­tur trä­ge, mund­tot, lang­wei­lig und damit schluss­end­li­ch kaputt.

Ein wei­te­rer Feh­ler ist, wenn Bern ein Ent­sor­gungs­platz für anders­wo auf der gan­zen Linie Geschei­ter­te wird. Dafür ist Bern zu scha­de und zu wert­voll. Bern nicht als Opfer von Pos­ten­scha­che­rei. Bern ver­dient bes­se­res.

Ich kom­me zur Kul­tur­stra­te­gie: Das ober­s­te Ziel einer Kul­tur­stra­te­gie muss es sein, ein Kli­ma der Frei­heit zu schaf­fen:
• Ein­wir­ken auf die Rah­men­be­din­gun­gen: „Ja“,
• nicht aber auf die Inhal­te.
Die Frei­heit ist die bedeut­sams­te Rah­men­be­din­gung; viel wich­ti­ger als die Mit­tel. Finanz­ga­ran­ti­en kön­nen sogar lang­sam wir­ken­des Gift sein. Es geht nicht dar­um, Insti­tu­tio­nen fett zu machen, son­dern Krea­ti­vi­tät zuzu­las­sen, gera­de die der frei­en Sze­ne.

Eine Kul­tur­stra­te­gie ist kein Gesetz­buch und kei­ne Hand­lungs­an­wei­sung, wie gute Kul­tur gemacht wird. Eine Kul­tur­stra­te­gie setzt bloss Rah­men und gewährt Frei­räu­me. Ande­re Ansät­ze kann man in den soge­nann­ten sozia­lis­ti­schen Para­die­sen oder in Dik­ta­tu­ren begut­ach­ten, aber auch in kon­ser­va­ti­ven Gesell­schaf­ten, wo den Kunst­schaf­fen­den neue Wege ver­baut wer­den.

Geschicht­li­ch gese­hen sind der Garant für Frei­räu­me nicht die Kir­che oder der Adel. Sie för­der­ten frü­her nicht Kul­tur, son­dern bestimm­ten, was Kul­tur ist und darf. Ein Garant für freie Kul­tur ist das Bür­ger­tum. Der Schutz indi­vi­du­el­ler Frei­hei­ten geht auf das 18. und das 19. Jahr­hun­dert zurück: Das Post­ge­heim­nis und diver­se Berufs­ge­heim­nis­se sind Bei­spie­le wie auch das Stimm- und Wahl­ge­heim­nis. Huma­nis­mus und Libe­ra­lis­mus haben uns Frei­heit und Pri­vat­sphä­re gebracht, bei­des Grund­pfei­ler unse­rer moder­nen Gesell­schaft. Das sind Bio­tope für Inno­va­ti­on und krea­ti­ves Schaf­fen, auch für die Kul­tur. Dage­gen sind Bestre­bun­gen des Kom­mu­nis­mus oder der Gene­ra­ti­on der 68er, die bei­de die Gemein­schaft vor das Indi­vi­du­um stel­len woll­ten, geschei­tert.

Wei­ter müs­sen wir uns als Ziel in einer Kul­tur­stra­te­gie set­zen, dass Ber­ner Künst­ler hier ihren Hei­mat­ha­fen bau­en, von hier aus immer wie­der auf­bre­chen, aber auch zurück­kom­men. Sodann müs­sen wir auch aus­wär­ti­ge Künst­ler nach Bern anlo­cken. Das freie Schaf­fen braucht Auf­merk­sam­keit und Orte der Ent­fal­tung. Räu­me und Büh­nen.

Wir sind Haupt­stadt. Dies ist eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung für den unse­ren Kul­tur­platz und wir haben unse­re Zie­le ent­spre­chend hoch zu set­zen. Und das bedingt beson­de­res Han­deln. Ich habe mich in den letz­ten Jah­ren mit eini­gen von Ihnen unter­hal­ten. Ich bin dabei auf glän­zen­de Ide­en gestos­sen, betrübt hat mich aber immer wie­der die rasche Unter­ord­nung Ihrer Ide­en. Kul­tur­po­li­tik ist nicht Unter­wür­fig­keit, Kul­tur­po­li­tik muss ein stän­di­ges Rei­ben sein, ein ste­ti­ges Her­aus­for­dern. Über den Ide­en­wett­be­werb zu Glanz.

Das Ziel von heu­te ist, Ihre Frei­heit fort­zu­schrei­ben und Hand­lungs­op­tio­nen zu ermög­li­chen, Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, jedoch kei­ne Vor­ga­ben über Inhal­te. Kul­tur kos­tet auch, also muss es mehr sein.

Das gegen­sei­ti­ge Schul­ter­klop­fen kön­nen wir mor­gen wie­der abhal­ten. Nicht heu­te Abend. Heu­te wol­len wir vor­an­kom­men.»

Gemein­de­rat Alex­andre Schmidt

(Der Text wur­de der Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz zur Ver­fü­gung gestellt.)